Von Menschen und Mäusen
WAZ 31.01.2008, Von Martin Spletter
Seit
neuestem können Schulen das Fach "Praktische Philosophie" nicht erst ab
Klasse 9, sondern schon ab Klasse 5 unterrichten. Debattieren da
Zehnjährige über Sein und Nichtsein - oder was findet da statt? ...
Ein
Unterrichts-Besuch am Gymnasium Borbeck "Praktische Philosophie", das
klingt wie ein Widerspruch in sich. Ist es aber nicht: "Eigentlich geht
es um die Frage, wer wir sind. Was uns ausmacht, und wie wir gut mit
anderen leben können", sagt Ursula Alsleben, Leiterin des Borbecker
Gymnasiums. Sie unterrichtet seit Schuljahrsbeginn 19 Fünftklässler im
Fach "Praktische Philosophie" - als Ersatz für Religion.
Ein
Erlass der Landesregierung macht möglich, dass Schulen das Fach nicht
mehr nur ab Klasse 9 anbieten können. Weil Werte-Erziehung an Schulen
allgemein an Bedeutung gewinnt und der Anteil von Schülern größer wird,
die keiner christlichen Religion angehören, war es am Gymnasium Borbeck
keine große Frage, den ersten Fünfer-Kurs in diesem Schuljahr
einzurichten: "Sonst war der Ersatz für die Religionsstunde
Still-Arbeit unter Beaufsichtigung", sagt Ursula Alsleben.
Am
gestrigen Vormittag sitzen die Kinder in einem Klassenzimmer, das mit
Teppichboden ausgelegt ist. Nach einer Entspannungs- und
Konzentrationsübung hören sie eine Geschichte, Ursula Alsleben liest
vor. "Die Mäuseversammlung", so der Titel des Textes. Es geht um die
vier Mäuse "Schnäuzer", "Weißpfote", "Schwarzauge" und "Smokie". Die
Tiere beratschlagen: Sollen sie in dem leeren Haus, das sie bewohnen,
weiter leben? Oder besser umziehen in eine Hütte im Wald? Denn es gibt
Geräusche im Haus, die Unheil verkünden - offenbar sind neue Mieter
eingezogen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Tiere bei
Umbauarbeiten entdeckt werden.
Nach der Geschichte sollen die
Kinder erklären, mit welchem der vier Tiere sie sich am ehesten
identifizieren - etwa mit "Schwarzauge", der besonders viele gute
Vorschläge macht? Oder mit "Weißpfote", die stets darauf Wert legt,
dass mit einer Lösung alle gut leben können?
",Schwarzauge'
ist besonders entdeckungslustig", sagt der dunkelhaarige Nedim. Er
findet diese Maus am besten. Viele Mädchen dagegen haben sich für
"Weißpfote" entschieden: "Weil sie will, dass alle ihre Meinung sagen
können."
Was die Kinder nicht wissen: Jede der Mäuse repräsentiert
einen Charakterzug. Oder ein Leitmotiv des Lebens, wenn man so will.
"Schwarzauge" ist besonders leistungsorientiert, er will etwas
voranbringen. "Weißpfote" dagegen will, dass es allen gut geht.
"Beziehungsorientiert", würden Psychologen sagen. Die Maus "Smokie" ist
vor allem abwartend und auf Sicherheit bedacht, die Maus "Schnäuzer"
besonders mutig und freiheitsliebend. Alle Mäuse haben ihre Anhänger
unter den Kindern, und die Kinder können gut begründen, warum.
Später
geht der Kurs in seinen regulären Raum. Dort setzt Ursula Alsleben die
Kinder um, für die nächsten Wochen. So, dass an jedem Vierertisch ein
"Schwarzauge", eine "Weißpfote", ein "Smokie" und ein "Schnäuzer"
sitzt. "Dann funktioniert die Gruppe am besten. Denn alle sind wichtig,
jeder wird gebraucht."